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Skills: Wiederverwendbare Anleitungen für Ihre KI

Skills sind einfache Textdateien, die Ihrer KI beibringen, wie bestimmte Aufgaben in Ihrem Unternehmen erledigt werden. Wir erklären, was sie von Prompts unterscheidet, wo die Grenze zu n8n und Temporal liegt und wie Sie den ersten Skill selbst anlegen.

RC
Ralf Cornesse
·
Skills: Wiederverwendbare Anleitungen für Ihre KI

Eine Assistentin in einer Steuerkanzlei schreibt jede Woche dieselbe Art von Mandantenbrief. Sie nutzt ChatGPT, tippt jedes Mal dieselben Vorgaben neu ein, korrigiert dieselben Fehler, erklärt derselben KI dieselben Ausnahmen. Nach drei Monaten hat sie den Prompt auswendig gelernt. Die KI hat nichts gelernt. Genau hier setzen Skills an.

Ein Skill ist nichts anderes als eine Anleitung, einmal sauber aufgeschrieben, die Ihre KI bei jedem neuen Auftrag genauso wieder anwendet. Keine Programmierung, kein Framework, kein Abo. Eine Textdatei im richtigen Format, am richtigen Ort abgelegt. In dieser Podcast-Folge haben wir das Thema erstmals besprochen. Der Artikel hier geht die Fragen durch, die dabei offen geblieben sind.

Was ist ein Skill?

Ein Skill ist eine Markdown-Datei mit dem Namen SKILL.md. Oben steht ein kurzer Kopfbereich mit Namen und einer Beschreibung, darunter die Anleitung in normalem Fließtext. Die KI liest die Beschreibung und entscheidet selbst, ob der Skill zur aktuellen Aufgabe passt. Wenn ja, lädt sie den Rest der Datei und folgt den Regeln darin.

Der Inhalt ist das, was Sie sonst einer neuen Mitarbeiterin erklären würden. Wie schreiben wir bei uns Angebote. Welche Formulierungen vermeiden wir. In welchem Ordner liegen die Textbausteine. Was muss zuerst geprüft werden, was kommt zum Schluss. Alles in ganzen Sätzen, ohne Code.

Das gleiche Dateiformat funktioniert über Anbietergrenzen hinweg. Anthropic, OpenAI und die Open-Source-Community haben sich im Laufe des letzten halben Jahres auf SKILL.md als gemeinsamen Nenner geeinigt. Ihre Skills laufen damit in Claude Code, in OpenAI Codex und in OpenCode, ohne dass Sie sie umschreiben müssen.

Einfach wie eine Notiz

Markdown-Datei, in ganzen Sätzen geschrieben. Jede Mitarbeiterin, die eine E-Mail aufsetzen kann, kann auch einen Skill schreiben.

Wiederverwendbar

Einmal angelegt, beliebig oft genutzt. Jede Korrektur bleibt erhalten und kommt dem nächsten Durchlauf zugute.

Anbieterunabhängig

Dieselbe Datei läuft in Claude Code, Codex und OpenCode. Wechseln Sie die Umgebung, bleibt Ihre Wissensbasis bestehen.

Skill vs. Prompt: Der Unterschied liegt in der Wiederverwendung

Ein Prompt ist das, was Sie im Chat tippen. Er gilt für genau ein Gespräch. Wenn Sie ein neues Fenster öffnen, fängt die KI wieder bei null an. Das funktioniert für einmalige Fragen gut, wird aber mühsam, sobald Sie dieselbe Aufgabe zum dritten Mal formulieren.

Ein Skill ist derselbe Inhalt, nur gespeichert. Er liegt als Datei in einem Ordner, den die KI kennt. Sie ruft ihn selbst auf, sobald die Aufgabe dazu passt, oder Sie aktivieren ihn mit einem kurzen Befehl. Alles, was Sie in den Skill hineinschreiben, steht in jedem Gespräch wieder zur Verfügung, egal wer am Rechner sitzt.

Das führt zu einem zweiten Unterschied. Weil der Skill dauerhaft existiert, lohnt es sich, ihn zu verbessern. Jede Korrektur, die Sie vornehmen, landet direkt in der Datei. Beim Prompt verpufft die Korrektur mit dem nächsten Fensterwechsel.

Markdown als Format haben wir in einem eigenen Artikel ausführlicher erklärt. Für den Moment reicht der Hinweis, dass es sich um eine einfache Textdatei mit wenigen Strukturzeichen handelt. Menschen können sie lesen wie eine E-Mail, KI-Modelle arbeiten besonders zuverlässig damit.

Wo Sie Skills schreiben und ausführen

Ein Skill besteht aus zwei Dingen, die sich gut trennen lassen. Dem Rezept selbst und der Küche, in der gekocht wird. Das Rezept ist die Markdown-Datei. Die Küche ist die KI-Umgebung, die darauf Zugriff hat.

Obsidian – die Ablage

Kostenloser Zettelkasten, lokal auf Ihrem Rechner. Speichert alle Skills als normale .md-Dateien. Keine Cloud-Pflicht, keine Anbieterbindung.

Claude Code – die Küche

Kommandozeilen-Umgebung von Anthropic mit Zugriff auf lokale Dateien. Liest Skills aus ~/.claude/skills/ oder aus dem Projektordner.

Codex und OpenCode – die Alternativen

Codex von OpenAI und der Open-Source-Zwilling OpenCode nutzen dasselbe SKILL.md-Format. Ihre Skills laufen in allen drei Umgebungen.

Das bedeutet in der Praxis: Sie pflegen Ihre Skills an einer Stelle, idealerweise in Obsidian als zentralem Zettelkasten, und verknüpfen sie mit der jeweiligen KI-Umgebung. Steigen Sie morgen von Claude Code auf OpenCode um, bleiben die Skills unverändert liegen. Genau das meinen wir mit Unabhängigkeit von Anbietern.

Warum eine KI-Umgebung wie Claude Code und nicht einfach die Chat-Oberfläche. Weil die Chat-Variante keinen Zugriff auf Ihre Dateien hat. Ein Skill, der sagt “nimm die Angebotsvorlage aus dem Ordner Vertrieb”, ergibt nur Sinn, wenn die KI diesen Ordner auch sehen kann.

So legen Sie Ihren ersten Skill an

Vom Gedanken zum fertigen Skill in vier Schritten:

  • 1. Aufgabe beschreiben. Schreiben Sie in zwei, drei Sätzen auf, wofür der Skill zuständig sein soll. Zum Beispiel: Mandantenbrief nach Erstgespräch entwerfen.
  • 2. Regeln sammeln. Welche Tonalität. Welche Anrede. Was darf nicht vorkommen. Welche Textbausteine müssen enthalten sein.
  • 3. Datei anlegen. Legen Sie einen Ordner mandantenbrief an und darin eine Datei SKILL.md. Oben Frontmatter mit Name und Beschreibung, darunter die Anleitung.
  • 4. Probelauf. Geben Sie der KI eine konkrete Aufgabe, die zum Skill passt. Korrigieren Sie alles, was nicht stimmt, und tragen Sie die Korrektur zurück in den Skill.

Der ganze Vorgang dauert beim ersten Mal ungefähr eine Stunde. Beim zweiten Skill sind es zwanzig Minuten. Wichtig ist der letzte Schritt. Ein Skill wird nicht durch sorgfältiges Vorausdenken gut, sondern durch die Rückkopplung aus der Praxis. Jeder Fehler, den Sie in einem Ergebnis finden, gehört als Regel zurück in die Datei.

Für den Einstieg lohnt sich ein Thema mit klarer Struktur und wiederkehrendem Ablauf. Typische Beispiele aus unseren Projekten:

Steuerkanzlei

Mandantenbrief nach Erstgespräch, Prüfungshinweise aus Mandanten-Unterlagen ziehen.

Architekturbüro

Protokoll aus Bauherren-Besprechung, Leistungsbeschreibung aus Angebotstext entwerfen.

Kommunalverwaltung

Antwortentwurf auf Bürgeranfrage, Ausschreibungstext nach internem Muster.

Produktionsbetrieb

Schichtprotokoll zusammenfassen, Angebot aus Stückliste und Kalkulationstabelle.

Nicht geeignet sind Aufgaben, bei denen das Ergebnis jedes Mal frei gedacht werden muss. Eine Strategiediskussion wird durch einen Skill nicht besser.

Was darf in einen Skill und was nicht

Ein Skill ist eine Textdatei auf einem Rechner. Was Sie hineinschreiben, sollten Sie auch auf einem Zettel am Schwarzen Brett stehen lassen können. Das Prinzip ist einfach: der Skill beschreibt den Weg, nicht den Einzelfall.

Gehört rein

  • Prozessbeschreibungen. Wie wird ein Angebot aufgebaut, in welcher Reihenfolge.
  • Tonalität und Formulierungen. Anrede, Stil, verbotene Begriffe.
  • Textbausteine. Gruß-, Schluss- und Standardformeln.
  • Beispieltexte. Ein, zwei gelungene Muster als Referenz.

Bleibt raus

  • Zugangsdaten. Passwörter, API-Schlüssel, interne URLs.
  • Personenbezogene Daten. Einzelne Mandanten, Patienten, Kunden.
  • Laufende Verhandlungen. Preise, Margen, Konditionen mit Kunden.
  • Verschwiegenheitspflichtiges. Mandats- und Geschäftsgeheimnisse.

Warum diese Trennung. Nicht weil der Skill diese Daten “verraten” würde, sondern weil sie damit in einer Datei landen, die irgendwann geteilt, gesichert oder versioniert wird. Der Skill beschreibt, wie ein Angebot aufgebaut wird. Die konkreten Zahlen bekommt die KI zur Laufzeit, nicht aus der Anleitung.

Ein Skill eignet sich außerdem nur für Prozesse, die Sie selbst beherrschen. Wenn niemand im Unternehmen genau erklären kann, wie eine Aufgabe richtig gelöst wird, bringt auch die beste Anleitung keine KI dazu, sie zuverlässig zu erledigen. Der Skill ersetzt kein fehlendes Wissen, er konserviert vorhandenes.

Die Grenze: Wann n8n oder Temporal besser passen

Skills sind flexibel und kontextabhängig. Die KI interpretiert jede Aufgabe neu, wendet die Anleitung an und trifft unterwegs Entscheidungen. Das ist ein Vorteil, wenn Eingaben unregelmäßig sind oder Texte geschrieben werden sollen. Es wird zum Nachteil, sobald ein Prozess technisch exakt jedes Mal gleich ablaufen muss.

Skill nehmen

Textarbeit, Rechercheaufgaben, Dokumentenentwürfe, Zusammenfassungen, alles mit sprachlichem Spielraum. Einzelperson oder kleines Team, ein paar Dutzend Ausführungen pro Woche.

Workflow-Tool nehmen

Systeme verbinden, Daten aus CRM holen, Rechnung in Buchhaltung übergeben, Benachrichtigungen senden, Hunderte Durchläufe pro Tag, jeder gleich wie der vorherige.

Für den zweiten Fall nehmen Sie n8n. Das ist ein visuelles Workflow-Werkzeug aus Berlin, DSGVO-konform, lässt sich selbst hosten. Sie bauen den Ablauf grafisch zusammen, jeder Knoten erledigt einen Schritt, das Ergebnis ist reproduzierbar. n8n kann KI-Aufrufe einbinden, ist aber primär ein Integrator zwischen Systemen.

Ein Schritt weiter liegt Temporal. Das ist keine Alternative zu n8n für Fachbereiche, sondern ein Fundament für Entwicklerteams. Temporal stellt sicher, dass Abläufe auch dann zuverlässig zu Ende laufen, wenn Server ausfallen, Netzwerke zusammenbrechen oder ein Prozess Tage dauert. Gedacht für Versicherungsfälle, Onboarding-Strecken, Zahlungsabwicklung. Wer Temporal einsetzt, hat eine IT-Abteilung und mindestens einen Entwickler, der es betreut.

Skill n8n Temporal
Typische Aufgabe Textentwurf, Zusammenfassung Systeme verbinden, Daten übergeben Langlaufende, ausfallsichere Prozesse
Flexibilität hoch mittel niedrig
Reproduzierbarkeit mittel hoch sehr hoch
Wer pflegt Fachbereich Power-User, kleine IT Entwicklerteam
Einstieg eine Stunde ein bis zwei Tage mehrere Wochen

Und Agentensysteme. Das sind KI-Modelle, die mehrere Schritte hintereinander selbst planen, eigenständig Werkzeuge aufrufen und sich iterativ einer Lösung nähern. Ein Agent kann einen Skill nutzen, ein Skill macht umgekehrt keinen Agenten. Für die meisten Unternehmen ist ein gut gepflegter Satz Skills der realistischere Einstieg. Agenten sind das nächste Kapitel, kein ersetzender Schritt.

Skills besser machen, teilen und Muster finden

Ein Skill wird besser, indem Sie ihn benutzen. Nach jedem Ergebnis, das Sie korrigieren, gehört die Korrektur zurück in die Datei. Am Anfang sind das mehrere Änderungen pro Woche. Nach zwei, drei Monaten stabilisiert sich der Skill auf einem Niveau, auf dem die Ergebnisse konstant brauchbar sind. Ab diesem Punkt verändert sich die Datei fast nicht mehr, sie wird nur noch an neue Situationen angepasst.

Teilen im Team funktioniert über den gemeinsamen Zettelkasten oder über ein Repository. Wer eine Versionierung mit Git betreibt, kann Änderungen nachvollziehen und zurückrollen. Für kleinere Teams reicht ein geteilter Ordner in Obsidian, Nextcloud oder einem vergleichbaren Dienst. Wichtiger als das Werkzeug ist die Vereinbarung, wer die Skills pflegt und wer Änderungen absegnet.

Als Muster lohnt ein Blick in die öffentlichen Sammlungen. Anthropic veröffentlicht eigene Skills unter github.com/anthropics/skills, OpenAI unter github.com/openai/skills, und die Community pflegt unter awesome-agent-skills mittlerweile über tausend Beispiele aus allen möglichen Bereichen. Kopieren Sie nichts blind. Nutzen Sie die Beispiele, um zu sehen, wie andere Anleitungen strukturieren, und schreiben Sie Ihre eigenen dann in Ihrer eigenen Sprache, mit Ihren eigenen Prozessen.

RC

Ralf Cornesse

KI-Berater & Trainer | Gründer von gewusst:KI

Wir helfen Unternehmen, KI sinnvoll einzusetzen. Praxisnah und herstellerunabhängig.